KAFKA-FRAGMENTE op.24 

 

Überwachung ist das Stichwort unserer Zeit. Big Brother hat sich in Big Data verwandelt und wir liefern ihm fleißig das Material. Und wenn es noch eines Stichwortes bedarf, so ist es Körperfixiertheit, womit sich der Kreis zur (Selbst-)Beobachtung schließt. War früher die „Nabelschau“ eine Metapher für die seelische Introspektion, so nehmen wir sie heute beim Wort und beobachten unseren Körper und dessen Funktionen so extensiv und am besten in Echtzeit und öffentlich, als wären die Fragen der Psyche längst gelöst: das Sein verrät das Bewusstsein.

Kafka ist der Autor unseres Jahrhunderts. Seine Vater- und Richterfiguren sind Vorbilder für die ominösen Instanzen, deren in sie projizierten Gesetzen wir uns so gerne unterwerfen. Ihre Augen fühlen wir auf uns gerichtet, wenn wir an der Optimierung unseres Körpers und unseres Verhaltens arbeiten. Kafka ernährte seinen Körper vegan, stählte ihn mit Sport und fütterte mit ihm seine Tuberkulose und alles dokumentiert er mit gnadenloser Feder.

Kurtág ist zweifelsohne einer der besten Komponisten unserer Tage – und ein Neurotiker, der die Neurosen unserer Zeit in komplexe widersprüchliche Musik zu setzen vermag. Sopran und Violine sind das Kampfpaar, Kafka und die Braut, Schamane und entsexualisiertes Geistwesen. Der Geiger als Darsteller, wahlweise im Kleid oder gesichtslos, dringt mit seinem Spiel ein in den Sopran, der, verdoppelt in Videosequenzen, sich sucht in den Bildern der Live-Kamera. Ein hochverdichtetes, multiples Projekt: Gegenwarts-Spiegel.

 

 

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